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Das I MUVRINI-SOMMER-MENUE: Plat N. 1

Freitag, 20.August 2010

Un menu de plusieurs plats – Mehrgaengige Hauptmahlzeit auf Korsika – Plat N. 1

Mit dem ersten Bissen tastet man sich bekanntlich an den Hauptgang heran. Vorweggenommen: Bedingt durch kleinere Programm-Aenderungen, neuer Buehnentechnik nebst Aufbau sowie einer gewissen Nervositaet der Protagonisten, sind die Heimkonzerte fuer sie doch von immenser Bedeutung, geraet die Premiere zwar noch nicht ganz rund, aber durchaus gelungen, vom zahlreich erschienenen internationalem Publikum lautstark bezeugt. Allerdings waere mir der erste Happen fast im Halse stecken geblieben. Folgendes war geschehen:
Zur laengeren, poetischen Ansage zum Titel „Alma“, zu deutsch:“Seele“, einer meiner Favoriten, mit traditionellem Gesang, gestuetzt von warmen Keyboardakkorden und feinen Violinenmelodien, sollten Achim mit einer geheimnisvollen Flaeche und ich mit der klassischen Gitarre erstmalig eine mystische Athmosphaere kreieren. Leider war dieser Plan bei Gilles, unserem Monitor-Techniker, nicht angekommen und er legte, wie bisher an dieser Stelle ueblich, die Background-CD ein, die haeufiger zwischen den Songs zu den Ansagen von Jean-Francois zum Einsatz kommt. Nun hatte diese Musik nichts mit unserer geplanten gemeinsam, so dass wir uns ziemlich ratlos anblickten, irgendwie auch noch versuchten auf Gilles mit Gesten einzuwirken, aber erfolglos. So startete bald das eigentliche Lied und ich schickte mich an, die Buehne zu verlassen, da ich bei diesem Song nicht mitspiele. Noch gedanklich befasst mit dem verhinderten Backing und halbblind durch die zum Intro passende sehr dunkle Lichtgestaltung fiel ich ploetzlich ins Nichts……
Erstaunlich, wie sich die relative Zeitwahrnehmung in Situationen des unmittelbar bevorstehenden Crashs verwandelt. So viele Gedanken, die Reihenfolge bringe ich evtuell nicht mehr zusammen. Der erste war wohl: Nun hat`s mich also doch noch erwischt! Nach ueber 3 Jahrzehnten on Stage, vielen miterlebten Unfaellen anderer Musiker oder Geschichten darueber, einigen beinahe-Katastrophen, so fiel einmal eine Traverse kurz nach einer Al Bano Carisi-Show in Sueditalien knapp neben mir zu Boden, der ein oder andere Stromschlag suchte mich heim, kleinere Blessuren beim Auf-und Abbau waren oft unvermeidlich, aber eben noch nie der so gefuerchtete und in der Phantasie durchlebte Buehnensturz. Es folgte leichte ironische Belustigung ueber meine Slapstick-Einlage nebest dem Gefuehl des freien Falls:“Huch!“, ergaenzt von ploetzlicher Furcht um die weitere Tour, ist es doch gerade mal die Premierenshow der Giru. Dann noch: was erwartet mich da unten? Bumm! Aufprall, leichte Benommenheit, eventuell ein kleiner Schock. Ich liege in einer dunklen Nische zwischen Bühnenaufgang, einer kleinen Metalltreppe, und linkem Lighttower. Hat mich ueberhaut jemand stuerzen sehen? Ich beginne meinen Koerper zu checken, von oben nach unten. Kopf okay, kann ihn leicht bewegen. Schulterzucken moeglich, Haende normal,-Gottseidank!!!!, aber der rechte Arm schmerzt. Die Wirbelsaeule hinab, oha, Beckenbereich, Steissbein, da ist etwas nicht in Ordnung. Es zieht ins linke Bein runter, rechts ist gut. Ich kann die Fuesse bewegen. Nach einer halben gefuehlten Ewigkeit hilft man mir auf, begleitet von mehrsprachigen Zurufen. Shelly etwa, die Mutter der Kompanie, sie kuemmert sich waehrend der Tour um alle Mitarbeiter bezueglich Unterbringung usw, ruft: „What have you done?“ Oder Thomas, der ebenfalls eine kurze Spielpause hat: „Bist Du in Ordnung?“ Ich lehne mich an den Buehnenrand, noch etwas benommen, versuche tief zu atmen und meine Spielfaehigkeit zu checken, waehrend mich alle drum herum Versammelten zum Hinsetzen auffordern und der Song „Alma“ weiterlaeuft. Natuerlich hat niemand auf der Buehne den Vorfall mitbekommen. „Are you okay?“ „Can you play?“ „Yes, I think so!“ Mir wird auf die Buehne geholfen, ich verlagere meine Balance ausschliesslich aufs rechte Bein und da der rechte Arm immer staerker schmerzt und ich ihn nicht mehr ueber Huefthoehe anheben kann, beschliesse ich auf`s Plektrumspielen weitestgehend zu verzichten. Ich bekomme Schmerzmittel gereicht, mein rechtes Inear-Plugin wird erfolgreich im Sturzbereich gefunden und wieder angebracht, die Instrumentenwechsel fallen schwer. Erst einmal irgendwie das Konzert zu Ende bringen, danach dann alles weitere. Einigen steht der Schreck ins Gesicht geschrieben, wir besichtigen den Ort des Geschehens. Im Eifer der Hektik des ersten Konzerts mit neuer Ausstattung ist die Absicherung des Buehnenabgangs vernachlaessigt worden. Im Aufprallbereich liegen keine groesseren und spitzen Steine, nur flache, allerdings ragt eine Metallstange etwa einen halben Meter entfernt aus dem Boden. Alle kuemmern sich ruehrend um mich, die Schmerzen nehmen zu. Ich verzichte auf weitere Mittel, denn ich will wissen, woran ich bin. Eine Nacht drueber schlafen, wenn moeglich, dann sehe ich vielleicht schon klarer. Einige Male werde ich wach, versuche vorsichtig, meine Position zu aendern um dann hoffentlich bald wieder einzunicken.
Der folgende Morgen foerdert Erstaunliches zutage: Gluecksgefuehle, Leichtigkeit, trotz einiger Schmerzen und ziemlich eingeschraenkter Bewegungsfaehigkeit, wobei der Arm kaum noch Sorge bereitet. Ich beginne zu begreifen, welch unverschaemtes Glueck ich gehabt habe, fuehle mich wertvoll beschenkt: Ich lebe, kann spielen, die Tour geht weiter! Das abendliche Konzert in St. Cipriano, quasi wieder direkt am Strand wie letztes Jahr, geraet geradezu zu einem Triumph. Bei meiner ungelenken Bewaeltigung hierzu hilft mir eine gute Freundin von Jean-Francois mittels Heilmassagen und Ohr-Akupunktur. Unser drittes Korsika-Konzert fuehrt uns in suedliche Gefilde nach Olmeto, wo ich mich sofort wieder an mein erstes Meerbad vom Vorjahr erinnere. Soweit bin ich nun leider doch noch nicht wieder hergestellt…….
Hoehepunkt des ersten 5er Tourblocks ist nicht nur fuer mich der Gig in Corte, der alten Hauptstadt des zwischen 1755 und 1769 unabhaengigen Teils Korsikas, damaliger Wirkungsort von Pascal Paoli, dem stets und ueberall auf der Insel gehuldigtem Nationalhelden und Sitz der von ihm begruendeten ersten und einzigen Universitaet. Er reorganisierte Korsika in dieser Epoche als Staat und gab diesem eine demokratische Verfassung mit Gewaltenteilung und Voelkersouveraenitaet.
Als Special Guest wirkte in der Zugabe der beruehmte franzoesische Poetry-Slam Kuenstler „Grand Corps Malade“ mit (http://www.grandcorpsmalade.com/), wie bereits auf der ersten Single „Terra Nova“ des neuen I Muvrini-Albums: „Gioia“.

Eine bemerkenswerte Persoenlichkeit mit einer beeindruckenden Geschichte. Er zog sich 1997 bei einem Badeunfall schwere Verletzungen an der Wirbelsaeule zu, lernte dank starkem Willen wieder laufen, mit Kruecke, was irgendwie wohl auch zu seinem Markenzeichen auf der Buehne geworden ist und entdeckte und formte daraufhin seine kuenstlerische Begabung der Poesie, Wortgewandheit und Stimme und gab sich eben auch diesen ungewoehnlichen Namen: „Grosser Kranker Koerper“. Beschrieben hat er seine damalige Situation und die Konsequenzen daraus in einem Song wie folgt:
„Um 11 Uhr fühlte ich mich unbesiegbar. Um 11 Uhr 08 gleitet mein Leben in eine Kurve. (…) Wie ein Blitz, ein Stromschlag (..). Aber ich hatte Glück, ich bin am Schachmatt vorbeigezogen. Um Viertel vor 12 nahm ich meinen blauen Stift, (…) und ich legte Worte auf alles, was mir auf dem Magen lag.“

Aufgewachsen in den Banlieus von Paris, hochbrisanter Brandherd der Seine-Metropole, widmet er sich seither vielen sozialen und kulturellen Projekten, um Menschen Perspektiven aufzuzeigen. Sein erstes Album landete sofort auf Platz 1 in den französischen Charts, er geniesst Kult-Status in Frankreich und weit darueber hinaus, ist eine imposante Erscheinung, ca. 2 Meter gross, mit offenen symphatischen Augen und einer beeindruckend tiefen, warmen Stimme, die fuer jeden Tontechniker eine pure Freude darstellt. Sein wirklicher Name ist Fabien Marsaud und er bedankt sich gluecklich und bescheiden bei uns, wie wir auch bei ihm.
Wir werden noch mehr als ohnehin schon abgefeiert. Zu meiner persoenlichen Freude traegt neben fortschreitender Genesung noch die Ankunft meines Sohnes Joshua bei. Er wird mich 10 Tage lang begleiten.
Der Abschluss des ersten Abschnitts der Giru Corse 2010, „Gioia“, geraet stuermisch, da der natuerliche Feind von korsischen Open-Air Veranstaltungen, der Wind, das Mittelmeer an der Westkueste ordentlich aufwuehlt, ungewoehnlich hohe Wellen erzeugt und bei Boeen bis zu Windstaerke 10 fuer die einiges an Angriffsflaeche bietenden Lighttower und geflogenen Soundsysteme durchaus gefaehrlich werden kann.

Liebenswerterweise beruhigt sich der Sturm zum Abend hin und der Gig in Tuccia kann, von starkem Applaus begleitet, problemlos stattfinden.
Nach laengerer Rueckfahrt in unsere Homebase, das Best Western in Bastia, freue ich mich nun auf einen freien Tag, an dem ich mich einfach nur ausruhen, den geschundenen Koerper pflegen und den nahen Sandstrand geniessen moechte.
Festzustellen bleibt, das diese Tour noch besser besucht ist als letztes Jahr, beim Publikum noch besser ankommt und das gesamte Feeling irgendwie noch entspannter, positiver und kreativer strahlt. Der erste Hauptgang mundete insgesamt also grossartig und wartete mit einigen ueberraschenden Beilagen auf!


( Photos: Joshua Meinert, Stella-Maria Guisepacci )

Das I MUVRINI-SOMMER-MENUE: Casse-croute

Samstag, 14.August 2010

Casse-croûte ( Zwischenmahlzeit ) am Berg

Nach der letzten Show in Hyeres an der Cote d`Azur reisen alle fuer 4 Tage heim, ich allerdings fahre nach Nizza um von dort mit Faehre bereits jetzt nach Korsika ueberzusetzen. Hier angekommen, tauchen viele Erinnerungen an dortige Erlebnisse auf, die Open-Air Gigs mit Stephan Eicher und Kurz-Urlaube im Appartement eines Freundes. Die italienisch gepraegte Altstadt mit den engen Gassen und ungezaehlten Restaurants und Bars, die antike kleine Akropolis aus der griechischen Epoche, der sehr lebendige und ausladende Strandboulevard am Quai des Anglais und dem Meer gegenüber die herrlichen Fassaden der prunkvollen Prachtbauten aus der Belle Epoque, welche man nach wie vor wiederzuerkennen glaubt aus dem legendaeren Hitchcock-Movie: Ueber den Daechern von Nizza, wie das Casino Ruhl und das Hotel Negresco. Ich tauche nicht weiter ein, sondern begebe mich zum Faehrhafen. Von dort geht es in einer fuenfeinhalbstuendigen Ueberfahrt mit Corsica Ferries nach Bastia. Auf dem hinteren Oberdeck laeuft unverbindliche Dance Music, ein kleiner Kids-Pool sorgt fuer entsprechende Kurzweil und die vielen Passagiere, wenn nicht innerhalb, suchen windgeschuetzte Nischen auf Deck, da wir doch sehr zuegig-zugig durchs Ligurische und spaeter Thyrrenische Mittelmeer pfluegen. Dann endlich: Land in Sicht!

Das Cap Corse, der noerdlichste Punkt der „Schoensten“ taucht am Horizont auf, der erkennende blinzelnde Blick im Gegenlicht der Sonne verwandelt Vorfreude in Glücksgefühl.
Eine gute Stunde spaeter dann mein vorlaeufiger Heimathafen: Bastia!

Nun daemmert es bereits und eigentlich sollte ich mich aufmachen, das Haus vom Chef, seiner Einladung folgend, zu suchen. Aber ich kann der Versuchung nicht widerstehen, den Vieux Port Bastia`s zu begruessen und mir bei Jean Bart, unserem Lieblings-Restaurant ein paar Muscheln zu goennen.
In der „Castagniccia“, am Hang oberhalb des Kuestenortes Folelli, etwa 40 km suedlich von Bastia, liegt das Geburts-Dorf Tagliu-Isulacciu der Bernardini Brueder. Obwohl Achim mir den Weg dort hinauf einige Male beschrieben hat, war mein Vertrauen in seine Navigations-Terminologie nicht ganz angebracht. Nach all den Jahren haette ich es wissen sollen, wir ticken da halt nicht gleich. Doch fand ich Hilfe, nachdem ich wiederholt auf dem Hinterhof eines Dorfbewohners in einer Sackgasse landete. Spaetestens nach Nennung des Kuenstlernamens zeigte er sich wohlwollend und fuhr ein gutes Stueck des Weges in die Berge voraus, nicht, ohne mir trotz fast noch aelteren Fahruntersatzes zu zeigen, wer hier auf der Strasse die Hosen an hat. Die Auffahrt zum Haus daselbst geriet zum letzten, kleineren aber loesbarem Problem, da mir unbekannt, wirklich sehr steil und nur im ersten Gang zu bewaeltigen. Angekommen, Ueberblick verschafft, ausgeladen, Bett bezogen und erste Duftnoten geschnuppert auf der grosszuegigen Terrasse. Ich sehe oestlich in der Ferne das mondbeschienene Meer glitzern, hoere neben den nachtaktiven Tierstimmen, bis hier oben hinauf, obgleich gut 7 Strassenkilometer entfernt, sogar die manchmal nicht ganz sauber gesungenen zweiten Stimmen der 3-Mann-Kapelle aus der Pizzeria in Folelli, deren Koch mal als Auftragskiller gearbeitet haben soll und bin gleichermassen gespannt wie ich mich darauf freue, was der Morgen mir wohl bringen wird.

Nun, ich bin ueberwaeltigt. In der Entfernung gerade vor mir sehe ich sehr deutlich Elba, dahinter am Horizont kann ich gar einen Teil des Verlaufs der italienischen Kueste erkennen, weiter noerdlich ragt Capreia hervor, schraeg unter mir liegt Tagliu, ca. 700 m Luftlinie, ich kann sogar die Gespraeche der Dorfbewohner hoeren. Und als die Mama zum Essen ruft, koennte auch ich gemeint sein, moechte ich am liebsten hingehen und mich dazusetzen, so deutlich ist ihre Aufforderung. Hinter und neben mir ragen die Kastanienwaelder wie ein dicht gewebter Teppich aus den Bergen heraus, prall und ueppig gewachsen wie Urwald. Ueber und unter mir kreisen ein praechtiger Roter Milan und Bussarde. Hier also sind die Bernardini-Brueder aufgewachsen, haben sicherlich sehr frueh klettern gelernt und ein spezielles Verhaeltnis zu raeumlichen Hoehen und Tiefen entwickelt, stets in unmittelbarer Verbindung zur elementaren Natur wie Meer und Wind, da stets praesent, sowie zu Flora und Fauna, die allgegenwaertigen Kastanien und Olivenhaine, die vielstimmingen Waldbewohner stets hoerbar und vielerlei Spuren hinterlassend. Ich versuche mir vorzustellen, wie ihr Vater Gjhuliu Bernardini, ein beruehmter Saenger und Poet der Insel, hier mit ihnen gesungen hat, sie in die Mysterien des polyphonen Gesangs eingeweiht hat um dann erste gemeinsame Auftritte zu absolvieren. Leider ist Gjhuliu bereits 1977 verstorben. Wie wir heute wissen, haben seine Soehne sein Erbe phantastisch weitergetragen. Ihm widmen sie 1978 ihr erstes Album: „I Muvrini Ti Ringrazianu („I Muvrini danken Dir“), das mit der Ehrung ihres Vaters beginnt: „Addiu a Ghjuliu“.
Die 4 Tage im Haus am Berg verbringe ich entspannt, in aller Ruhe, lass die Athmosphaere auf mich einwirken und bin ein wenig kreativ. Ich unternehme einen Ausflug an die Nordkueste um St. Florent, nachdem mir ein Freund von Alain, Werkstattmeister in Bastia, meine rechte Seitenscheibe repariert, die sich elektronisch nicht mehr schliessen laesst und beobachte am Vortag unser diesjaehrigen Korsika-Tour-Premiere den Buehnenaufbau hierfuer schmunzelnd mit dem Fernglas, da unser erster Auftritt ausgerechnet in Folelli stattfindet.


(Photos: Mickey Meinert)

Das I MUVRINI-SOMMER-MENUE: Entree

Dienstag, 10.August 2010

Entree in Suedfrankreich

3 Wochen spaeter geht es dann konkret los, auf dem Menue steht ein bunter Teller mit 7 Kostbarkeiten inklusive vielen Blautoenen von der Cote d´Azur.

Nach einer sehr zaehen Anreise von Detmold über Guetersloh, um Achim aufzulesen, mit dem vorlaeufigen Ziel Trets bei Aix en Provence in Suedfrankreich, brachten wir dennoch eine Punktlandung zustande. Wohlweislich hatten wir eineinhalb Tage veranschlagt, was sich als bitter noetig herausstellen sollte. Die Urlaubsstaus begleiteten uns ab Koeln, steigerten sich in Frankreich ins Unermessliche und zwangen uns zu einer unplanmaessigen Uebernachtung in Dijon. Ganz „Autoroute-Frankreich“ war ein Stau, der Verkehrsfunk sprach von Hunderten Kilometern. Manchmal ueberkam uns bereits Hoffnungslosigkeit, ob wir denn ueberhaupt zum Konzertbeginn am spaeteren Abend anwesend sein koennten. Es ging sich irgendwie doch noch aus und der diesmal besonders wichtige Soundcheck, da einmalig mit fremdem Drummer, konnte stattfinden. Mein ueber 15jaehriger Mitsubishi Lancer muss heuer herhalten. Nach meiner Erfahrung vom Vorjahr ist mir die individuelle Freizeitgestaltung doch sehr wichtig, zumal in so besonderer Umgebung. Meine Unternehmungslust abseits der festen Zeiten liess sich haeufig nicht mit den Gruppenplaenen vereinbaren. Und Mietwagen sind in der Saison nun mal rar und teuer. Jetzt liegen bereits 7 Shows hinter mir, wir haben die Cote d’Azur quasi rauf und runter gespielt, mit dem Ausreisser Pau am Fusse der Pyraeneen, nicht weit von Biarritz am Atlantik. Hier war am Anreisetag die wohl vorentscheidende Etappe der Tour De France gestartet worden. Die Faszination der hiesigen und angereisten Radsportfans war geradezu greifbar, davon zeugten allueberall Artefakte wie Trikottraeger, Ausstellungen in beliebigen Schaufenstern der Restaurants, Bars, Hotels und sonstigen normalerweise nicht radsportaffinen Geschaeften von Rennraedern und Zubehoer aus allen Epochen der Tour. Dazu flimmerten natürlich unentwegt die Live-Bilder an allen Ecken. Kein Ausreissversuch blieb somit selbst dem schlendernden, uninteressiertem Stadtbesucher verborgen.

Fast schon muessig zu erwaehnen, das die Wildschafe wieder stuermisch gefeiert wurden, selbst an Auftrittsorten, die mit Ambience rein gar nichts im Sinn haben, wie zum Beispiel das Hippodrom von Hyeres, ansonsten eine Pferderennbahn und somit sehr weitlaeufig und gerade dort auch von eher betuchten und daher zurückhaltenden unterhaltungsverwöhnten Menschen besucht.

Die schoensten Gigs fanden aus meiner Sicht in Pau und Valence statt, jeweils im idyllischen baumumsaeumten Stadtpark und geradezu erdrueckend besucht, selbst ausserhalb des eigentlichen Konzertgelaendes fanden sich noch Tausende von Besuchern ein, um sich der besinnlichen Athmosphaere bei korsischem Liedgut hinzugeben.

Valence, ca. 100 km suedlich von Lyon, hat mich als Stadt darueber hinaus sehr beeindruckt, ein malerischer Kuenstlerort.

Ebenso pittoresk erschien mir die Altstadt von Castres, oestlich von Montpellier.

Der schoenste Spielort war allerdings Grimaud, ueber der Bucht von St. Tropez trohnend. Der Auftritt daselbst vor der gewaltigen Burgruine, der Ort fast schon maerchenhaft, beinahe wie gemalt, bunt, aber nicht kitschig, voller Blumen, kleine Gaesschen mit vertraeumten Fassaden und einladenden Restaurants. Einziges Manko natuerlich: die vielen Touristen. Aber gehoere ich nicht auch dazu?

Alles in allem ein sehr genussvoller Auftakt, macht ganz viel Lust auf mehr Koestlichkeiten, welche bestimmt auf uns warten: auf „Kallista“, die Schoenste, wie schon die alten Griechen Korsika nannten.
(Photos: Spiko )